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Aktienkurs oder operatives Geschäft?

Vorweg: Ich möchte hier lediglich einen Diskussionsansatz schaffen. Ich spreche auf meiner gesamten Homepage keine Kauf- und Verkaufsentscheidungen aus. Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich. Bitte beachtet dazu auch meinen rechtlichen Hinweis nach WPHG am Ende der Seite bzw. in meinem Impressum.


Meistens ist einer der ersten Fragen, welche mir Personen stellen, die gerade erfahren haben, dass ich Geld in Aktien (Unternehmen) anlege, ob ich mich eher auf Kursgewinn, auf die Dividende oder beides konzentriere. Wenn ich dann antworte, dass ich mir darüber bei meinen Investmententscheidungen keine direkten Gedanken mache, sorge ich meist für Verwirrung bei den Fragestellern. Sie entgegnen mir, ob ich denn keine Gewinne erzielen möchte.

Würde man diese Personen fragen, wie viel eine nicht-börsennotierte Bäckerei, welche ihre gesamten Gewinne erfolgreich in weitere gewinnbringende Filialen investiert, ihrer Meinung nach Wert ist, würden sie wohl kaum 0 Euro antworten. Und das, obwohl diese Firma keine Kursgewinne erzielt (es gibt nämlich keinen Kurs) und auch keine Gewinne (Dividende) ausschüttet, da ja sämtlicher Gewinn reinvestiert wird. Um einen vernünftigen Wert zu bestimmen, würden sie wahrscheinlich das operative Geschäft, die Bilanz, das Management etc. analysieren. Wieso sollte man dann eine Aktiengesellschaft anders bewerten, nur weil wir jeden Tag einen Kurs verfolgen können?

An der Börse verhalten sich Menschen allerdings in vielerlei Hinsicht irrational. So sehen sie oft nur den Chart der Aktie und vergessen, dass eine Aktie ein Anteil am Unternehmen ist. Man sollte sich allerdings besser früh als spät bewusst werden, dass der Kurs lediglich zeigt, zu welchem Preis die letzten Anteile an der Börse gehandelt wurden. Welche beiden Parteien (vielleicht waren es zwei Computerprogramme) aus welchen Gründen (vielleicht haben IT-Spezialisten, welche sich mit Unternehmensanalyse nicht auskennen, jeweils die Software für ihren Arbeitgeber programmiert) sich zu diesem Handel entschieden, können wir nicht in Erfahrung bringen und sollten deshalb auch unsere Investmententscheidungen nicht davon abhängig machen. Die wichtige Lektion hieraus ist, dass Kurs und Wert zwei unterschiedliche Dinge sind. Wie Warren Buffett zu sagen pflegt:

„Der Preis ist, was man bezahlt. Der Wert ist, was man erhält.“

Oder würdet ihr eure eigene Bäckerei anders bewerten, nur weil jeden Tag jemand vorbeikommt und euch einen anderen Betrag, welcher täglich stark schwankt, für eure Firma anbietet? Diesen manisch-depressiven Mann namens Mr. Market hat Benjamin Graham bereits in seinem im Jahr 1949 veröffentlichten Buch „The Intelligent Investor“ geschaffen, um zu verdeutlichen, dass Aktienkurse viel stärker schwanken als der eigentliche Wert der Firma. Anstatt uns von Mr. Market verrückt machen zu lassen, sollten wir uns lieber die Vorteile von ihm zu nutzen machen, denn wir können ihm nicht nur Anteile verkaufen, wenn er uns gerade viel dafür bietet, sondern auch welche von ihm abkaufen, wenn er sie günstig loswerden möchte. Obwohl Mr. Market inzwischen 70 Jahre alt ist, verursacht er noch immer Angst und Euphorie bei den meisten Aktionären.

Psychologisch ist es auch sehr viel schwieriger, dann bestimmte Aktien zu kaufen, wenn alle anderen dies nicht tun. Man wird in der Regel kritisch angeschaut oder sogar belächelt. Als ich Anfang 2016 Aktien von Royal Dutch Shell und BASF kaufte, welche aufgrund des enormen Ölpreisverfalls zu aus meiner Sicht sehr niedrigen Kursen gehandelt wurden, fragten mich Freunde, wieso ich denn in Öl-Aktien investiere. Der Ölpreis (WTI) lag damals bei etwa 30 $, nachdem er zwei Jahre zuvor noch über 100 $ notiert hatte. In der Presse wurden bereits Kurse um 10 $ befürchtet und, dass in naher Zukunft Öl kaum noch benötigt wird. Die Ölindustrie galt also bei den meisten Aktionären und Analysten als sehr unattraktiv. Ich habe mir diese zwei Großkonzerne nach ausführlicher Analyse ausgesucht und jeweils die Hälfte meines Startvermögens investiert. BASF habe ich mit einer Rendite von knapp über 40 % etwa ein Jahr später verkauft und Royal Dutch Shell halte ich mit einer Rendite von ca. 50 % noch heute. Dabei habe ich bei Royal Dutch Shell in diesen 3 Jahren allein über 22 % an Dividende kassiert.

Natürlich bin ich kein Hellseher und wusste nicht, dass die Kurse so schnell steigen würden. Darüber habe ich mir auch bei meiner Kaufentscheidung keine Gedanken gemacht. Ich habe lediglich Firmenanteile von Unternehmen gekauft, welche ich aus meiner Sicht zu einem günstigen Preis erwerben konnte. Es wird in Zukunft natürlich viele Investments geben, welche sich nicht so gut bzw. sogar negativ entwickeln werden. Zum einen können bei jedem Unternehmen unerwartete Dinge eintreten und zum anderen werde ich sicherlich noch viele Fehler begehen (der zweite Grund wird der häufigere sein).

Wenn ich in Unternehmen investieren, habe ich auch keine Ahnung, wo der Kurs im nächsten Monat oder im nächstem Jahr stehen wird. Ich investiere, weil ich überzeugt davon bin, dass der aktuelle Preis (Kurs) weitaus günstiger ist als der Wert des Unternehmens. Und wenn ich in 6 von 10 Fällen richtig liege, werde ich in Zukunft eine zufriedenstellende Rendite erzielen.

Fällt der Kurs nach meinem Kauf, freue ich mich in der Regel sogar mehr darüber, als wenn er steigen würde. Auch diese Aussage sorgt bei vielen Menschen für Unverständnis. Dazu betrachten wir wieder eine einfache nicht-börsennotierte Bäckerei:

Stark vereinfacht nehmen wir an, dass diese keine Schulden hat und 100.000 Euro an Eigenkapital besitzt. Das Geld steckt in der Filiale (Gebäude), in den Maschinen für die Produktion etc. Diese Firma macht jedes Jahr einen konstanten Gewinn von 20.000 Euro. Nun bietet ihnen der Besitzer der Bäckerei 10 % der Firma für 25.000 Euro an. Da vertraglich mit der Stadt geregelt ist, dass im Umkreis von 1 Kilometer keine andere Bäckerei eine Filiale eröffnen darf und somit die Gewinne sehr sicher für die folgenden Jahre sind, sehen sie ein gutes Geschäft und nehmen das Angebot an. Folglich erhalten sie auf ihr eingesetztes Kapital 8 % Rendite (2.000/25.000). Zum Vergleich: 10-jährige Bundesanleihen liefern aktuell eine Rendite von etwa 0 %. Würde der Bäckerei-Besitzer nun einige Monate später weitere 10 % verkaufen wollen, würden sie sich dann freuen, wenn er mehr oder weniger als die damals verlangten 25.000 Euro haben möchte? Ich denke, die Antwort liegt auf der Hand.

Wieso sollte meine Einstellung an der Börse also anders sein? Wenn ich ein Unternehmen für z. B. 10 Euro je Aktie bereits günstig bewertet empfinde und der Kurs dann auf 7 Euro fällt, mache ich in der Regel Freudensprünge, da ich weitere Anteile noch günstiger kaufen kann (natürlich unter der Voraussetzung, dass sich am von mir ermittelten Wert des Unternehmens in dieser Zeit nichts maßgeblich geändert hat).

Oder würdet ihr euch freuen, wenn kurz nachdem ihr euren täglichen Morgenkaffee auf dem Weg zur Arbeit gekauft habt, der Preis des Kaffees um 50 Cent steigt? Ihr würdet euch natürlich über sinkende Preise freuen, da ihr keinen Kaffee verkaufen wollt, sondern in Zukunft weiterhin euren täglichen Morgenkaffee genießen möchtet.


Um nochmals zu verdeutlichen, wieso ich mich oft über sinkende Kurse freue, betrachten wir ein aktuelles Beispiel aus meinem Portfolio:

Wells Fargo ist mit über 12 % Anteil einer meiner größten Positionen im Portfolio. Ich kaufte meine ersten Aktien im Oktober 2016 und zwei weitere Male im letzten Jahr. Für dieses Beispiel betrachten wir allerdings nur meine erste gekaufte Position, da die anderen beiden Käufe noch nicht lange her sind.

Der aktuelle Kurs von ca. 48 $ liegt nur etwa 1 $ über meinem Einstiegskurs. Berücksichtigen wir noch die 4,39 $ Dividenden, welche ich in den letzten Jahren je Aktie erhalten habe, kommen wir auf ein Plus von gut 11 %, was einer jährlichen Rendite von etwa 4,5 % entspricht. Mit dieser Rendite kann ich wohl kaum jemanden beeindrucken, auch wenn sie weit besser ist als die auf einem Tagesgeldkonto.

Das Entscheidende für mich ist allerdings das operative Geschäft von Wells Fargo und nicht die Kurs- und Dividendenentwicklung. Sie generieren jährlich Nettogewinne von über 22 Milliarden $ und hatten zu meinem Kaufzeitpunkt im Oktober 2016 etwa 5,05 Milliarden ausstehende Aktien, was einer Marktkapitalisierung von ca. 237 Milliarden $ entsprach. Auf jede Aktie entfiel also ein Gewinn von 4,35 $. Neben den Dividenden nutzt Wells Fargo einen Großteil des Gewinns, um ihre eigenen Aktien zurückzukaufen, wodurch sich die Anzahl ausstehender Aktien inzwischen auf 4,55 Milliarden verringert hat. Jede einzelne meiner Aktien ist heute ein 11 % größerer Anteil am Unternehmen und an deren Gewinnen als zu meinem Kaufzeitpunkt. Ich habe also meine Wells-Fargo-Position erhöht, ohne Anteile zu kaufen, sondern nur dadurch, dass Wells Fargo meinen Gewinnanteil verwendet hat, um Anteile zurückzukaufen. Dadurch hat sich natürlich auch der Gewinn je Aktie erhöht, da der jährliche Gesamtgewinn von 22 Milliarden $ in etwa gleichgeblieben ist.

Je niedriger nun der Kurs ist, desto mehr eigene Aktien kann Wells Fargo mit dem erzielten Gewinn zurückkaufen. Bleibt der Kurs bis in alle Ewigkeit auf dem aktuellen Niveau, hat Wells Fargo bei unverändertem Gewinn und jährlichem Rückkaufprogramm in Höhe von 10 Milliarden $ alle eigenen Aktien in etwa 22 Jahren zurückgekauft.

Wirklich alle Aktien?

Nein, denn ich werde meine nicht verkaufen, wenn das operative Geschäft weiterhin so gut läuft und der Kurs so niedrig ist. Somit würde mir das gesamte Unternehmen in 22 Jahren gehören und sämtliche Gewinne (aktuell 22 Milliarden $ netto pro Jahr) kann ich für mich behalten. 

Da dies natürlich nie geschehen wird, wird der Kurs langfristig steigen, wenn sich die wirtschaftliche Lage des Unternehmens nicht verschlechtert. Ich hoffe aber, dass es so lange wie möglich dauert, bis der Kurs steigen wird, sodass weiterhin günstig Aktien zurückgekauft werden können. Benjamin Graham stellte dazu vor vielen Jahren fest:

„Kurzfristig ist der Markt eine Wahlmaschine, aber langfristig ist er eine Waage.“

Deshalb macht es auch nur Sinn, langfristig seine Performance zu bewerten oder mit anderen zu vergleichen.

Über den Aktienkurs mache ich mir also keine Gedanken, wenn ich Aktien kaufe. Ich würde die Unternehmensanteile auch dann kaufen, wenn ich wüsste, dass nach meinem Kauf die Börse für ein paar Jahre geschlossen bleiben würde.


Auf zwei Dinge möchte ich noch hinweisen:

  1. Was zu bestimmten Kursen klug ist, kann bei anderen Kursen dumm sein. Wells Fargo kauft aktuell eigene Aktien bei einem KGV von etwa 10 zurück, was einer Rendite von 10 % (1/10) entspricht. Würde sich der Aktienkurs z. B. verdoppeln, hätten wir ein KGV von 20, was einer Rendite von lediglich 5 % (1/20) entsprechen würde. Dann wäre es sicherlich klüger, eine höhere Dividende auszuschütten und keine eigenen Aktien zurückzukaufen, da ich als Investor dieses Geld an anderer Stelle besser investieren könnte.
  2. Natürlich gibt es auch Situationen, bei denen man sich über steigende Kurse mehr freut als über fallende. Hat man etwa Anteile eines Unternehmens, von dem man seine Position nicht mehr weiter ausbauen möchte und das auch selbst keine eigenen Aktien zurückkauft oder, wenn man seine Anteile verkaufen möchte (aus welchen Gründen auch immer).

Hinweis auf Interessenkonflikte gemäß §34b WpHG: Der Autor hält Positionen an der in diesem Artikel genannten Unternehmen, die von einer etwaigen aus der Publikation resultierenden Kursentwicklung profitieren.

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